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I. Finding Value

Zu Beginn eines jeden Investitionsprozesses steht zunächst die Suche nach potentiell interessanten Unternehmen an. Die vollständige Analyse und Bewertung eines Unternehmens kann nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn zuvor entsprechend interessante Titel als Bewertungsobjekte identifiziert werden konnten. Das Auffinden dieser spielt somit eine wesentliche Rolle im gesamten Investitionsprozess. Bevor sich ein Investor jedoch auf die Suche nach Unternehmen begibt, sollte er sich zuvor bewusst machen, wo seine persönlichen Grenzen liegen. Denn für eine so genau wie möglich durchgeführte Bestimmung des intrinsischen Unternehmenswertes gehört das Verstehen des Geschäftsmodells zu einer der zentralen Voraussetzungen. Die Erstellung eines eigenen Kompetenz Bereichs spielt somit eine wichtige Rolle. Viele professionelle Value Investoren spezialisieren sich somit bspw. auf einzelne Branchen oder spezifische Marktsituationen. Neben den eigenen Möglichkeiten spielt zudem der Faktor Geduld eine wichtige Rolle. Der Prozess der Identifizierung potentieller Investitionsmöglichkeiten fällt in der Regel länger aus als man denkt. Die Anzahl börsennotierter Unternehmen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ein erfolgreicher Investor sollte somit in der Lage sein, eine Vielzahl von Unternehmen zu überprüfen, ohne dabei die Geduld zu verlieren. Bevor man sich also entscheidet, sein Kapital an der Börse zu investieren, sollte man sich bewusst machen, wie viel Zeit man hierfür bereit ist aufzuwenden. Für mich persönlich ist es daher wichtig, dass man den Investitionsprozess mit Freude an der Sache vollzieht. Nur so ist man dazu bereit, den notwendigen Aufwand für eine erfolgreiche Geldanlage zu leisten.

 

Bei der Suche nach Unternehmen unterscheidet sich die Methode vieler Anleger zwischen dem sogenannten Bottom-up und dem Top-Down Ansatz. Die Grundlage der Bottom-up Methode bildet die Unternehmensebene. Bei dieser Vorgehensweise konzentriert sich ein Investor zunächst auf das Unternehmen selbst, ohne die jeweilige Branche zu berücksichtigen. Der Top-Down Ansatz hingegen geht von einer Makroanalyse aus. Hier betrachtet ein Anleger an erster Stelle die Branche. Erweist sich diese als interessant, informiert sich der Investor über die darin operierenden Unternehmen und stellt ggf. einen Vergleich auf. Im Laufe der letzten Jahre hat sich in meinem Investitionsprozess der Top-Down Ansatz durchgesetzt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich damit die Bottom-up Methodik vollkommen vernachlässige. Bei der Suche nach Anlageobjekte interessiere ich mich zunächst einmal nur für Unternehmen, dessen Geschäftsmodell ich vollständig verstehe. Aus diesem Grund schließe ich auch eine Industrie aus meinem Anlageuniversum, wenn ich davon überzeugt bin, sie nicht richtig beurteilen zu können. Hierunter fallen bspw. Unternehmen aus dem Bankensektor und der Volksrepublik China. Komplizierte Bilanzen und rechtliche Unsicherheiten verhindern hier eine korrekt ausführbare Analyse meinerseits.

 

Ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Investition in ein Unternehmen liegt bei mir darin, dass sich ein Unternehmen in einer Industrie befindet, die auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren von Nöten ist und somit mit hoher Wahrscheinlichkeit wachsen wird. Hierbei muss es sich nicht unbedingt um schnell wachsende Branchen handeln. Gerade Unternehmen aus „langweiligen“ Branchen verfügen oftmals über eine langfristig stark anhaltende Geschäftsentwicklung und fallen aufgrund der niedrigen Popularität ihnen gegenüber verhältnismäßig günstig aus. Hierunter fallen oftmals Unternehmen aus antizyklischen Industrien. Berücksichtigt werden zudem und vor allem Unternehmen, die die Kriterien eines Long-Term-Investment (LTI) erfüllen: Durch allgemeine strukturelle Entwicklungen in den Bereichen Bevölkerung, Wirtschaft und Unternehmertum ergeben sich langfristige Investitionsmöglichkeiten. Bei der Vorauswahl von potentiellen Aktien konzentriere ich mich somit nicht primär auf ausgewählte Kennzahlen, sondern auf die langfristige Funktions- und Widerstandsfähigkeit des dahinter liegenden Geschäftsmodells.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Auswahl interessanter Aktien liegt in der Größe der Unternehmen. Bei der Suche nach Investitionsobjekten bevorzuge ich vergleichsweise kleinere Unternehmen. Fondsgesellschaften vernachlässigen aufgrund ihrer hohen Investitionsvolumina in der Regel sehr kleine Unternehmen. Durch Richtlinien ist es diesen oftmals nicht erlaubt, Anteile von mehr als 10% an einer Firma zu besitzen. Somit sind große Gesellschaften nicht in der Lage, sich an sogenannten Small Caps zu beteiligen. Dadurch steigt hier die Wahrscheinlichkeit im Auffinden günstiger, jedoch qualitativ hochwertiger Unternehmen. Hierzu zählen bspw. Aktien, die zur Kategorie der Hidden Champions gezählt werden. Als Hidden Champions werden meist kleinere Unternehmen bezeichnet, die es geschafft haben, sich in den unterschiedlichsten Marktnischen europaweit oder global als Marktführer zu etablieren. Der Begriff Hidden Champions entstand dadurch, dass sich diese Unternehmen in der Regel nicht im „Scheinwerferlicht“ der Märkte befinden. Diese „heimlichen Gewinner“ sind medial oft kaum präsent, nur wenige Analysten decken sie ab. Wie bereits beschrieben, spielt hierbei die Marktstellung sowie das Geschäftsmodell eine wesentliche Rolle. Marktführerschaft führt zu dauerhaften Vorteilen gegenüber der Konkurrenz. Die Folge sind stabile und überdurchschnittliche Margen sowie Preismacht. „Heimliche Aktienstars“ weisen zudem ein konstantes Wachstum von Umsatz, Gewinn und Marktanteilen auf.

 

Wie bereits erwähnt liegt der Fokus meiner Suchstrategie vorzugweise auf der Identifizierung interessanter makroökonomischer Trends. Hierbei kann es oftmals hilfreich sein, die im Alltag notwendigen Dinge zu betrachten. Eine Vielzahl erfolgreicher Unternehmen lassen sich durch die Gegenwart ihrer, von dem Großteil der Bevölkerung täglich nachgefragten Produkte im Alltag identifizieren. Bei der kontinuierlichen und intensiven Verfolgung ausgewählter Wirtschafts- und Finanzmedien besteht zudem die Möglichkeit auf Artikel zu stoßen, die von interessanten Branchen und den darin operierenden Marktteilnehmern handeln. Dabei gilt jedoch zu betonen, dass man sich von der Meinung des jeweiligen Journalisten über die im Artikel beschriebene Aktie nicht übermäßig beeinflussen lassen darf. Aufgrund nicht erreichter Wachstumsprognosen in einem Quartal kommt es bspw. oftmals zu negativen Schlagzeilen zu einem Unternehmen. Dies muss jedoch nicht unbedingt bedeuten, dass die langfristige Funktionsfähigkeit des Geschäftsmodells oder der jeweiligen Branche nicht mehr gegeben ist. Der Bildung einer eigenen Meinung zu dem Unternehmen und der Branche muss somit höchste Priorität zugeordnet werden. Der Artikel hilft einem somit zunächst nur dabei, ein Unternehmen als potentiell interessantes Investitionsobjekt auszumachen. Neben den Nachrichten kann sich des Weiteren noch die Verfolgung von Blogeinträgen und die darin veröffentlichten Aktienanalysen als nützlich erweisen. In den letzten Jahren hat sich auch in Deutschland eine große Community an interessanten und lesenswerten Blogs entwickelt.

 

Stock Screener

 

Privatinvestoren besitzen in der heutigen Zeit einen Vorteil, auf den nicht einmal große Anleger wie Charles Munger und Warren Buffett in ihren ersten Entscheidungen zurückgreifen konnten: Das Internet. Über das Internet lässt sich mittlerweile eine umfassende Anzahl unterschiedlicher Webseiten finden. Neben dem Angebot von Seiten, die Informationen zu interessanten Industrien zur Verfügung stellen, existiert im Internet die Möglichkeit der Verwendung von sog. Stock Screener.

 

- Financial Times

- Yahoo Finance

- Investing.com

- Financial Visualizations

- Guru Focus

- Magic Formula Screen

- MacroTrends

- SimFin

 

Mittlerweile existieren weltweit mehr als 60.000 börsennotierte Unternehmen. Über die Datenbanken lässt sich je nach Qualität und Größe des jeweiligen Screening Angebots mit Hilfe unterschiedlicher und selbst nach eigenen Anforderungen einstellbarer Kriterien eine Liste von Aktien aus einem großen Pool von Titeln zusammenstellen. Dabei lassen sich zum einen makroökonomische Kriterien wie das Auswählen einer bevorzugten Nation oder Industrie einstellen. Zum anderen besteht die Möglichkeit der Einstellung von Zielwerten bei ausgewählten Kennzahlen zur finanziellen Stabilität, Liquidität und Rentabilität. Durch dieses Angebot kann somit eine Vielzahl von Aktien in kürzester Zeit nach eigenen Vorstellung zur weiteren Überprüfung erstellt werden. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass ein Screening nicht die Aufgabe einer Unternehmensbewertung erfüllt. Diese Suchstrategie eignet sich lediglich zur Einschränkung des Anlageuniversums. Für das Filtern geeigneter Aktien verwende ich größtenteils folgenden Kennzahlen:

 

- Wachstum bei Umsatz und Gewinn

- EBIT-Marge

- Umsatzrentabilität

- Eigenkapitalquote

- Current Ratio

- Return on Investment (RoI)

- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

 

Aktienindizes

 

Eine weitere Methode bei der Suche nach Aktien ist die Betrachtung eines jeden Unternehmens aus einer Liste. Dies ist jedoch mit viel Aufwand verbunden. Als Grundlage der zu überprüfenden Liste kann bspw. ein Index herangenommen werden. Zur Untersuchung kleiner US-amerikanischer Titel bietet sich zum Beispiel der S&P Small Cap 600 Index an. Für die Erstellung einer Übersicht von Unternehmen einer spezifischen Branche oder Nation kann zudem auf die Vielzahl unterschiedlicher Indizes von Anbietern wie MSCI oder S&P Global zurückgegriffen werden.

 

Watchlist

 

Durch die kontinuierliche Anwendung dieser Methoden kristallisieren sich im Laufe der Zeit interessante Bewertungsobjekte heraus. Um hierbei nicht den Überblick zu verlieren, empfiehlt sich die Erstellung und Führung einer Watchlist. Diese besteht zum einen aus einer Liste von Unternehmen, die es gilt in Zukunft näher zu betrachten. Zum anderen sollten hier alle Unternehmen aufgeführt werden, die bereits analysiert, jedoch zum Zeitpunkt der Betrachtung aufgrund zu hoher Preise nicht als Kauf eingestuft wurden. Eine Watchlist verschafft einem strategisch vorgehenden Anleger somit eine Übersicht und die kontinuierliche Beobachtung der Preisentwicklung der interessanten Aktien. Vor allem in Zeiten sinkender Kurse kann eine Watchlist dabei helfen, bereits als qualitativ hochwertige bewertete Unternehmen zu einem günstigen Preis zu erwerben.

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