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Finanzierung II - Liquidität

Die Liquidität spielt für viele Investoren eine wichtigere Rolle als die Rentabilität bzw. Ertragsfähigkeit eines Unternehmens. Der Grund hierfür besteht darin, dass eine mangelnde Liquiditätslage zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Zahlungsunfähigkeit und somit der Insolvenz eines Unternehmens führen kann. Unter Liquidität versteht man dabei die Fähigkeit, Zahlungsverpflichtungen pünktlich und in vollständiger Höhe erfüllen zu können. Ein Unternehmen wird dann als liquide bezeichnet, wenn es in der Lage ist, all seine fälligen Verpflichtungen zu begleichen. Die Liquidität ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Fortführung der Geschäftstätigkeit und für zukünftige Investitionen. Der Cash-Bestand eines Unternehmens besitzt bspw. die höchste Liquidität. Mit Bargeld können Verpflichtungen oder Investitionen jederzeit bezahlt bzw. finanziert werden. Die Qualität der Liquidität eines Unternehmens kann mit Hilfe der Liquiditätsanalyse ermittelt werden. Zur Bestimmung dieser verwendet man eine Reihe von Liquiditätskennzahlen.

 

Liquiditätsgrade

 

Die Liquiditätsgrade bestimmen die Fähigkeit eines Unternehmens, kurzfristige Verbindlichkeiten durch Vermögenswerte zu begleichen, die relativ schnell und einfach liquidiert, also zu Cash gemacht werden können. Dabei setzt man die kurzfristigen Vermögenswerte eines Unternehmens ins Verhältnis mit dessen kurzfristigen Verbindlichkeiten. Kurzfristige Schulden besitzen eine Restlaufzeit von maximal einem Jahr. Es wird zwischen drei Liquiditätsgraden unterschieden. 

 

Bei der Liquidität ersten Grades werden die flüssigen Mittel, also der Cash-Bestand mit den kurzfristigen Verbindlichkeiten eines Unternehmens ins Verhältnis gesetzt. Bei einem Wert von 100% können bspw. alle kurzfristigen Verbindlichkeiten durch den Barbestand eines Unternehmens beglichen werden. Dieser Wert muss bzw. sollte jedoch nicht angestrebt werden, da Forderungen aus Lieferung und Leistungen sowie Vorräte zudem als Zahlungsmittel kurzfristiger Verbindlichkeiten genutzt werden können. Der Zielbereich liegt somit bei 10 bis 30%. 

 

Bei der Liquidität zweiten Grades wird die Summe aus dem Kassenbestand sowie den kurzfristigen Forderungen und Wertpapieren mit den kurzfristigen Verbindlichkeiten ins Verhältnis gesetzt. Der Zielbereich dieser Kennzahl liegt zwischen 100 und 120%. Ein Wert unter 100% könnte bspw. auf einen zu hohen Lagerbestand eines Unternehmens aufgrund mangelnder Absatzzahlen schließen. Das hierbei berechnete Ergebnis wird oftmals von Banken als Acid-Test bezeichnet, da diese somit beurteilen können, wie schnell ein Unternehmen in der Lage ist, die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu tilgen.

Bei dem dritten Liquiditätsgrad werden neben dem Cash-Bestand und den kurzfristigen Forderungen noch die Vorräte in der Berechnung berücksichtigt. Der Zielwert liegt hier im Bereich um die 120%. Bei einem Wert darunter, kann dies auf Absatzprobleme aufgrund einer bspw. verfehlten Preisgestaltung zurückzuführen sein. Des Weiteren wäre dann ein Teil des langfristigen Anlagevermögens kurzfristig fremd finanziert – ein Verstoß gegen die goldene Bilanzregel. Ein Ergebnis über dem Zielwert kann dies auf einen zu hohen Vorratsbestand im Lager und somit zu einem mangelnden Absatz des Unternehmens schließen.

 

Anlagedeckungsgrade

 

Die Anlagedeckungsgrade basieren auf der goldenen Bilanzregel. Diese beschäftigt sich mit der Gestaltung der Finanzierung eines Unternehmens. Dabei sollte langfristiges Vermögen auch langfristig finanziert werden. Liegen die kurzfristigen Verbindlichkeiten über dem kurzfristigen Vermögen eines Unternehmens, so ist ein Teil des langfristigen Vermögenswertes kurzfristig finanziert. 

Der Anlagedeckungsgrad ersten Grades setzt das Eigenkapital mit dem Anlagevermögen eines Unternehmens ins Verhältnis. Bei der Bewertung dieser Kennzahl sollte die goldene Bilanzregel berücksichtigt werden. Die langfristigen Vermögenswerte sollten dabei vor allem durch langfristiges Kapital gedeckt sein. Das dieses neben dem Eigenkapital auch aus dem langfristigen Fremdkapital besteht, kann der Wert auch unter 100% im akzeptablen Bereich liegen. Der Zielwert sollte sich jedoch bei mindestens über 70% befinden. 

 

Der Anlagedeckungsgrad zweiten Grades berücksichtigt neben dem Eigenkapital das langfristige Fremdkapital. Aufgrund dessen sollte diese Kennzahl mindestens 100% betragen. Ein Wert darunter besagt, dass ein Teil des langfristigen Vermögens durch kurzfristiges Fremdkapital finanziert ist. Nutzt ein Unternehmen bspw. kurzfristige Schulden (Bankkredit) zum Kauf einer Maschine, könnte es im Falle fehlender kurzfristiger Vermögenswerte zu Zahlungsschwierigkeiten und somit zur Insolvenz des Unternehmens kommen. 

 

Beim dritten Anlagedeckungsgrad wird das langfristige Kapital mit der Summe aus Anlagevermögen und Vorräten ins Verhältnis gesetzt. Auch hier sollte der Wert der Kennzahl über 100% liegen. Der Lagerbestand eines Unternehmens sollte idealerweise durch langfristiges Kapital finanziert sein. Dadurch entschärft ein Unternehmen den Druck, den Bestand schnellst möglich verkaufen zu müssen. 

 

Defensive Interval Ratio (DIR)

 

Die Defensive Interval Ratio ist eine geeignete Kennzahl zur Bestimmung des Liquiditätsrisikos eines Unternehmens. Die Defensive Interval Ratio gibt an, wie viele Tage ein Unternehmen ohne Verwendung seiner langfristigen Vermögenswerte operieren kann. Diese Kennzahl stellt somit ein finanzielles Effizienz-Verhältnis dar. Sie bestimmt, wie lange ein Unternehmen nur mit Hilfe seiner liquiden Mittel überleben kann. Eine steigende DIR deutet auf die zunehmend verbesserte Fähigkeit eines Unternehmens zur Generierung von Cash hin. Bei einem Rückgang dieser wird sich langfristig der Cash-Bestand verringern. Bei der Berechnung setzen wir das Umlaufvermögen mit den täglichen Kosten der operativen Geschäftstätigkeit eines Unternehmens ins Verhältnis. Die täglichen Kosten berechnen wir, indem wir die Summe aus Umsatzkosten und operativen Aufwendungen durch 365 Tage teilen. Die DIR sollte mindestens positiv, also über einen Tag ausfallen. Je höher der Wert, desto liquider scheint das Unternehmen. Dabei berücksichtigt diese Kennzahl jedoch nicht die finanzielle Stabilität. Selbst wenn die liquiden Mittel dazu ausreichen, die Zinskosten eines Unternehmens zu begleichen, so besteht trotzdem die Möglichkeit, dass ein Unternehmen hohe Schulden aufweist, und langfristig in Zahlungsschwierigkeiten kommen kann.

 

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